Juli 16

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Der falsche und der richtige Weg, Macht in der Beziehung auszuüben

Du hörst mir nicht zu!

Doch! Ich höre dir zu!

Nein! Das ist nicht wahr!

Kennst du derartige Situationen? Du möchtest dich wirksam fühlen, dir ist ernsthaft jetzt wirklich einfach mal wichtig, dass er/sie dich versteht. Du hast es doch jetzt schon gesagt. „Du hörst mir nicht zu!“ Du bist doch jetzt schon konsequent bei deinem Standpunkt geblieben. „Nein! Das ist nicht wahr!“ Was in aller Welt sollst du denn NOCH machen???

Okay. Dann atme jetzt erstmal tief durch.


Geht’s wieder?

Das oben genannte Beispiel demonstriert ein äußerst übliches Muster davon, wie wir in der Partnerschaft mit Macht umgehen. Macht. Ein MACHTvolles Wort. Was MACHT es mir dir? Erzeugt es in dir Neugier? Ablehnung? Ekel? Lust? Furcht?

Machtmuster und wie sie sich zeigen

Eins scheint jedenfalls unumstritten zu sein: Macht ist ambivalent. Und Macht ist immer da. Keiner kann sie aus seinem Leben verbannen. Schon gar nicht aus seiner Beziehung. Macht ist Bestandteil jeder Beziehung. Das können wir nicht vermeiden. (Das sollten wir auch nicht!) Was wir jedoch können, ist sie wahrzunehmen und ein Gespür für destruktive und konstruktive Formen von Macht in unseren Beziehungen zu entwickeln.

Aber zurück zum Beispiel da oben. In Paarbeziehungen tauchen typischerweise zwei verschiedene Machtmuster auf. Beide kommen dir mit Sicherheit bekannt vor. Wenn du sie nicht in deiner eigenen Beziehung wiedererkennst, dann aber höchstwahrscheinlich in Beziehungen deines Umfelds, ob real oder stereotypisch. Das erste (und auch unser Beispiel) ist das „Machtkampf-Muster“. Hier werden die verschiedenen Sichtweisen von Wirklichkeit einander entgegengesetzt. Es wird nicht auf die Sichtweise des jeweils anderen eingegangen. Wenn du dich nochmal in unser Beispiel hineinversetzt, wirst du es sicher regelrecht spüren, wie keiner der beiden Gesprächspartner von seinem Standpunkt abrückt, wie keine Absicht da ist – auf beiden Seiten nicht – die Botschaft des anderen ernst zu nehmen und in einen Dialog zu treten.

Und dann gibt es noch das „Dominanz-Unterordnungs-Muster“, in dem die Macht ungleich verteilt ist. Eine unangenehme Sache, für beide Seiten. Und trotzdem finden sich viele Beziehungen darin wieder. Vielleicht ist es Angst vor Veränderung, die sie darin verharren lässt. Angst verpackt in diversen „Einstellungen“ und „Werten“. Fakt ist: viele Partnerschaften verweilen in dieser oft unausgesprochen Mixtur aus sich unterdrückt und abgewertet versus sich allein gelassen und mit Verantwortung überlastet fühlen. Der sich unterwerfende Part versucht dabei oft kläglich, seine Wirksamkeit zu retten mit passiver Aggression, verdeckten Machtspielen wie Manipulation, Sabotage und ähnlichem.

Arten von Macht

Kannst du eins der beiden Machtmuster in deiner Beziehung entdecken? Oder wechseln sie sich von Situation zu Situation ab? Dann lass uns doch noch ein wenig tiefer gehen. Um Machtmuster aufzulösen, hilft es zunächst, Macht, so gut es eben geht, zu verstehen.

Nochmal: Macht spielt in Paarbeziehungen eine große Rolle. Denn Macht bedeutet immer: Ich übe auf den anderen Einfluss aus. Sei dir bewusst, dass es in Beziehungen unvermeidbar ist, Macht aufeinander auszuüben. Die Frage ist allerdings, wie das geschieht.

Wir unterscheiden die Behinderungsmacht, die Begrenzungsmacht und die Ermöglichungsmacht.

Behinderungsmacht

Bei Behinderungsmacht geht es um das Behindern.
Behinderungsmacht übt aus, wer dem Mitmenschen etwas verwehrt, das er braucht, um leben und sich entfalten zu können. Behinderungsmacht übt aus, wer einem oder mehreren Mitmenschen das von ihm benötigte Maß bzw den von ihm benötigten Zugang zu seinen Ressourcen verweigert. Ressourcen wie Geld (wer verwaltet das Konto?), Beziehungen (werden die Kinder in Konflikte einbezogen?), Informationen (auch über Gefühle), physische Kraft oder Attraktivität.

Behinderungsmacht finden wir z.B., wenn eine Person Aufgaben nicht abgeben will, weil sie es vermeintlich besser kann, obwohl die andere, die vielleicht mehr Zeit braucht, weil sie aus der Übung ist, es gerne übernehmen würde.

Behinderungsmacht finden wir z.B. auch, wenn eine Person eine andere ins Leere laufen lässt, mauert, in Schweigen versinkt, gemachte Zusagen nicht umsetzt oder passiv und ausbremsend wird.

Wir finden sie in der Partnerschaft auch (vorrangig bei Frauen) bei der sexuellen Verweigerung und (vorrangig bei Männern) bei der Verweigerung von Auskünften über das eigene Innenleben – was gerne in wechselseitiger Dynamik auftritt. Hier wird dem anderen verwehrt, was er üblicherweise braucht, um in einer Beziehung leben zu können.

Verweigerung ist heute das häufigste Machtinstrument. Und gleichzeitig das schwierigste.

Bei der Behinderungsmacht handelt es sich in Beziehungen um eine destruktive Form der Machtausübung, eine Form, die die Liebe belastet. Anders ist das bei der Begrenzungsmacht. Mit ihr schützen wir unseren eigenen Raum, unsere eigenen Bedürfnisse vor den Ansprüchen anderer bzw unseres Partners. Sie ist dazu da, unsere Grenzen zu wahren, und das ist wichtig und notwendig, nicht nur für uns, sondern auch für die Beziehung, in der wir leben. Begrenzungsmacht hält die Beziehung im Gleichgewicht, damit eine konstruktive Begegnung überhaupt möglich ist.

Begrenzungsmacht

Begrenzungsmacht ist konstruktive Machtausübung. Schwierig wird es in Partnerschaften allerdings, wenn das Wahren der eigenen Grenzen als Vorwand genutzt und eigentlich, in Wahrheit, Behinderungsmacht ausgeübt wird.

Vielleicht möchte eine Frau, die sich sexuell verweigert, z.B. eigentlich das Bedürfnis äußern, gesehen und wertgeschätzt zu werden, emotionalen Austausch zu haben und nicht sexuell bedrängt zu werden. Dies klar zu formulieren, dass diese Form der Verweigerung den eigenen persönlichen Raum belastet, würde dann Behinderungs- in Begrenzungsmacht umwandeln.

Vielleicht möchte ein Mann, der sich dagegen wehrt, sein Innenleben preiszugeben, z.B. eigentlich ebenfalls das Bedürfnis äußern, gesehen, wertgeschätzt und in seinen Bedürfnissen nach Nähe, Autonomie und Angenommensein ernst genommen zu werden. Und auch hier kann die Formulierung, dass Verweigerung wie die sexuelle oder Bedrängung, wenn gerade das Autonomiebedürfnis dominiert, den eigenen Raum belasten, Behinderungs- zu Begrenzungsmacht transformieren!

Weitere Beispiele für Begrenzungsmacht, die euch bestimmt mehr oder weniger vertraut vorkommen:

„Wir hatten doch vereinbart, dass ICH die Kinder ins Bett bringe! Höre auf, dich jetzt dauernd einzumischen!“

„Wenn du mein Handyladekabel nimmst, lege es bitte danach wieder zurück!“

„Ich will nicht, dass du ohne mich zu fragen meine Post liest!“

„Lass mich ausreden! Rede mir nicht rein!“

Begrenzungsmacht zeigt sich als Abgrenzungsaggression. Aggression heißt Eingreifen. Und Eingreifen ist legitim! Eingreifen ist notwendig!

Und was ist mit der Durchsetzungsaggression? Gibt es da auch eine konstruktive Form von Macht? Ja!! 😃 Wir reden dann von Ermöglichungsmacht. Und auch diese niemals mit Behinderungsmacht zu verwechseln, ist nicht immer einfach!

Ob gut oder schlecht – In jeder Beziehung üben wir Macht aus.

Ermöglichungsmacht

Die Ermöglichungsmacht kann Spielraum eröffnen. Sie kann ermutigen, aufmuntern, liebevoll streng sein, aus Lethargie oder Trägheit heraus helfen. Sie kann herausfordern und dem anderen helfen, seine Komfortzone zu verlassen. Sie kann Möglichkeiten eröffnen und Verbindung schaffen.

Ermöglichungsmacht in der Beziehung findet statt, wenn wir uns unserem Partner zumuten. Und natürlich besteht hier, wenn wir nicht achtsam sind, die Gefahr, dass aus dem Zumuten ein Aufdrängen, ein Bedrängen oder ein Überfahren wird. Und schwupps: Behinderungsmacht!! Behinderungsmacht, die den Partner in seinen Ressourcen Selbstbestimmung und Selbstwahrnehmung beschneidet.

Aber z.B. zu sagen: „Gib nicht auf!“, wenn der andere gerade an einem Projekt zu knabbern hat oder sich das Rauchen abgewöhnen will, kann Ermöglichungsmacht sein. Oder:

„Los! Lass uns dieses Wochenende ins Blaue fahren!“ Oder:

„Ich bringe heute die Kinder ins Bett. Da kannst du heute mal was für dich machen.“ Oder einfach schon ein:

„Schau mal! Wie schön der See heute glitzert!“ ist Ermöglichungsmacht. Das mag ein banales Beispiel sein, aber wie oft schleicht es sich in unseren Alltag ein, dass Momente, die so kraftvoll und verbindend sein können, nicht nur in der Partnerbeziehung, in Gleichgültigkeit (Verweigerung!) verpuffen. Sei ehrlich zu dir. Wann hast du in einem solchen Moment das letzte Mal mit einem anwesenden „Oooh jaaa! Das Wasser blendet ja regelrecht meine Augen! Wie schön!“ geantwortet statt mit einem abwesenden „Hm. Schön“?

Ermöglichungsmacht hängt stark von der Bereitschaft ab, sich von dem anderen beeinflussen (aus seinem Trott herausholen zum Beispiel) zu lassen. Beides, konstruktive Machtausübung und sich beeinflussen zu lassen, sollte sich in einer Beziehung in der Balance halten. Sonst landen wir bei einem Machtgefälle bzw bei einer ungleichen Machtverteilung.

Neigst du zu Machtspielchen?

Möchtest du herausfinden, ob du relativ schnell zu Machtspielen neigst? Dann lies dir doch einmal genau die fünf folgenden Kriterien dafür durch und gleiche es mit deinem Leben, wie du es wahrnimmst, ab.

  1. Kannst du auf deinen Partner zugehen, um dich zu versöhnen?
  2. Hast du manchmal Rachegedanken und sagst dir: Das zahle ich ihm/ihr heim?
  3. Bist du ein Stratege und denkst: „Sie/Er hat mich so gekränkt, jetzt muss er/sie kommen und sich entschuldigen, ich rühre mich jetzt nicht.“?
  4. Hast du den Eindruck, dass du in der Partnerschaft immer etwas vorsichtig sein musst und mit deiner Aktivität alles kontrollieren möchtest?
  5. Bist du nachtragend und kannst dich noch an Kränkungen erinnern, die sich vor Jahren ereignet haben?

Und hier hast du noch sechs Fragen, mit denen du das gleiche bezogen auf deinen Partnerin machen kannst:

  1. Interessiert sich der Partner für mich, kann er zuhören?
  2. Hat er beim nächsten Treffen behalten, was ich gesagt habe?
  3. Verträgt er es, wenn ich ihm widerspreche?
  4. Greift er auch meine Vorschläge auf oder bestimmt er?
  5. Drängelt er beim Sex oder kann er warten?
  6. Wie geht er auf meine Themen ein?

Tipps für den Umgang mit Macht

Zum Schluss bekommst du sieben Tipps von uns zum Umgang mit Macht in deiner Beziehung.

  1. Achte vor allem auf die Machtkonstellationen, die von an Anfang an die Beziehung prägen. Wer wirbt um wen. Wer liebt mehr? Wer geht auf wen ein?
  2. Lerne dich durchzusetzen, und lerne dich anzuschließen. Kannst du nur eines von beidem, förderst du Machtmissbrauch in der Beziehung.
  3. Wenn du dich durchsetzen willst, tue dies offen. Versteckte Machtstrategien und Manipulationen vergiften eine Beziehung.
  4. Versuche niemals, dadurch in die mächtigere Position zu kommen, dass du den anderen abwertest, klein machst, schlecht dastehen lässt.
  5. Besonders nervend sind Machtprozesse der Verweigerung, bei denen etwas vergessen, verzögert oder nicht erledigt wird und ausbremst. Achte darauf, dass du dich immer wieder aus der Ohnmachtsfalle löst, indem du eigene Lebensziele realisierst.
  6. Sei unabhängig, pflege auch andere Freundschaften.
  7. Mach dir deine Themen und Entwicklungen bewusst und arbeite an dir selbst, damit du dich abgrenzen und dich zuwenden kannst.

Also dann. Möge die Macht mit dir sein 😃.

Shalom,

Deine Nicole und Dein Mathias


Stichworte

Beziehung, Kommunikation


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